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Eine Zugreise, ein Mann

Es war ein langer Abend gewesen. Ich war nicht mehr voller Energie, aber müde war ich auch noch nicht. Doch war es ein gutes Gefühl wieder im Zug zu sitzen, Richtung Hause, Richtung Bett. Ich hatte kein Bedarf an ein Gegenüber, also suchte ich mir einen Platz am Fenster aus, in ein Teil wo kaum jemand saß. Hinter mir saß ein ausländischer Typ, der mit seinem Handy spielte, und zwei Reihen vor mir eine junge Frau, die einen Buch las. Ich schloss meine Augen und spürte, wie der Zug losfuhr.

Das Gerausch vom Zug, wie er über die Gleisen fährt, mag ich besonders gerne. Es wirkt beruhigend, irgendwie hypnotisierend. Es war angenehm mal ohne Bagage unterwegs zu sein. Kein Handy, kein Laptop, kein Buch dabei. Kein Notizblock, kein Kulli. Ich hatte lediglich etwas Geld dabei, meine Bankkarte und natürlich meine Zugkarte.

Der Schaffner kam. Schade, daß ich meine Augen wieder öffnen musste. Ich war gerade so schön am wegschlummern. Er nam meine Zugkarte an sich, blickte kaum darauf und gab sie mir wieder. Alsob nur der Tast ihm bestätigen wurde, daß die Zugkarte gültig war. Der Zug hielt an und der Schaffner stieg aus. So wie der Typ, der hinter mir saß, und die junge Frau. Der Abteil war jetzt, ausser mir, leer. Auf der letzte Minute stieg noch jemand ein. Zuerst dachte ich: gottseidank. Denn ganz leer ist mir dann doch nicht soo angenehm. Man weiss ja nie. Dann schaute ich mir den Passagier mal genauer an. Es war ein Mann, Mitte 40. Er trug einen ungepflegten Bard und seine längere, graue Haare waren fettig. Seine schmuddelige Kleider hingen um ihm herum. Ich war froh, daß er sich eine Reihe vor mir setzte, mit seinem Rücken zu mir.

Der Zug fuhr los.

Ich verstehe nicht, daß man so aussehen kann. Hat er kein Spiegel zu Hause? Wo kam er her, von der Arbeit wohl nicht. Widerlich, solche Typen. Einfach widerlich.

Ganz in Gedanken schrack ich auf, als der Mann auf einmal aufstand, und sich zu mir umdrehte. Kann er etwa Gedanken lesen? Er lief auf mich zu und setzte sich gegenüber mich. Ängstlich schaute ich um mich herum: das Abteil war leer. Nur er und ich waren da. Der Mann schaute mich an. Sein Blick erfasste meinen Augen. Ich bekam Angst. Was will er von mir? Ich dachte laut „was willst du?“. Er sagte nichts und schaute nur. Nicht böse, nicht freundlich. Einfach... neutral. Der Zug hielt und ich hätte aussteigen können. Nur ich konnte nicht. Ich war wie gefesselt an meinen Sitz, im Blick seiner Augen. Keiner stieg zu, und der Zug fuhr wieder los.

Kurz war es, als ob er mir was sagen wollte. Das war der Moment, wo ich mich loswrikken konnte und ich lief zu Türe. Der nächste Bahnhof war schon im Sicht und der Zug bremste. Noch bevor der Zug ganz still stand, war ich schon draussen auf den Weg durch die Strassen, nach Hause.

Es war still, mäusestill. So still habe ich unser Dorf noch nie erlebt, auch nachts nicht. Keine Tiergeräusche, kein Gelächter von Menschen die spät noch die Dorfkneipen besucht haben, keine Auto’s in der Ferne. Der Mond und die Sterne wurden von den vielen Wolken versteckt, lediglich das schwache Licht der Laternen schien auf die Strassen. Das einzigste Geräusch kam von meinen dumpfen Schritten, und der Stoff von meiner Hose, die sich zwischen meine Beinen berührte. Hinter mir hörte ich auch Schritten. Etwas schneller als meine, nur überholt wurde ich nicht. Ich brauchte mich nicht umzusehen um zu wissen, wer es war. Wie automatisch fing ich an, im gleichen Tempo wie mein Verfolger zu laufen. Komisch, daß ich das nicht haben kann: ungleiche Schritte. Obwohl ich mich in keinster Weise mit mein Verfolger einen Ziel haben möchte, einen Schritt haben möchte. Unser Dorf ist klein, aber der Weg, in dieser Stille mit einem Verfolger, ohne irgendwelche Geräusche in der Dunkelheit, der Weg war viel länger als sonst.

Ein junger Mann kam aus einem Haus. Eine Erleichterung. Alsob er spürte, wie es mir zumute war, öffnete er mir seinen Autotür und ich stieg ein. Ich fühlte mich gerettet und holte tief Luft. Der junge Mann stieg auf der Fahrerseite ein und fuhr los. Er sah gut aus. Richtig gut. Und ich freute mich nochmal. Ich sagte, daß er mich beim Kreisverkehr aussteigen lassen konnte.

Warum hatte der Mann mich so angestarrt? Vielleicht war es bloss ein armer Mann mit eine traurige Geschichte. Vielleicht erinnerte ich ihm an seine Tochter, die er vor einige Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Oder er sah in mir das Spiegelbild seiner Jugendliebe, die er aus dem Auge verloren hatte und immer gesucht hat. Oder er erkannte Gesichtszügen seiner verstorbene Mutter – soll es ja geben.

Wir passierten dem Kreisverkehr. Der Junge Mann hielt nicht an. Ein klemmendes Gefühl machte sich in mich breit. Der Mann hat gewusst, was mit mir in der nächste Stunde auf dem verlassenen Waldweg passieren wurde.


Über diesen Beitrag:
"Eine Zugreise, ein Mann" wurde am 11. April 2003 - 00:55 geschrieben und ins Netz gestellt. Es wurde seitdem 4780 Mal detailliert angeschaut. Mit 8 Kommentare hat dieser Beitrag ein Ziel-Erreichungsgrad von 0,17 Prozent. Ferner beinhaltet dieser Beitrag den Buchstaben o in 84-facher Ausfertigung. Dies entspricht einer o-Dichte von 1,74 Prozent. Dieser Beitrag ist in der Kategorie Kurzgeschichten und im Archiv von April 2003 abgelegt worden und kann mit http://www.bloggitt.de/gebloggitt137.html direkt verlinkt werden.


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Und das habt Ihr dazu zu sagen:
mama @ 11. April 2003 - 13:44
begrijpt jij nu, dat ik nietin donker wil reizen? Hoe ben jij naar huis gekomen?

Birthe @ 11. April 2003 - 14:07
te voet ;-)

Andrea aus Hessen @ 13. April 2003 - 22:16
Ohh, Birthe die Geschichte ist Dir gut gelungen. Ich dachte zu erst an Wilfried, weil er öfters Zug fährt. Aber dann die Gedankengänge machten mich stutzig. Weiter so.. lasse Deiner Fantasie freien lauf. Ich finde sie gut. ;-)

Birthe @ 14. April 2003 - 14:13
Danke! :-)
Wilfried sieht aber nicht so widerlich aus, oder? *gg*

roland aus kollege des Herrn Wilfried (http://www.art-donner.de) @ 26. April 2003 - 14:42
Sehr spannend und fesselnd.
wie geht es denn nun weiter?

Habe aber auch an den kollegen wilfried gedacht

wilfried @ 26. April 2003 - 15:15
Nun gut, die Geschichte meiner Frau scheint ja neugierig zu machen. Deshalb möchte ich hier etwas zur Erklärung beitragen. Während meine Frau also zunächst das Bahnfahren von seiner positiven Seite erleben durfte - man setzt sich, etwas abgespannt, hin, ein dicker Diesel blubbert vor sich hin und schiebt das Gefährt über die Gleise, man spürt, wie der Zug über die Weichen rollt und dann Fahrt aufnimmt, ist schon angenehm, gelle, aber, um auf den Ursprung zurück zu kommen, während all dies geschah, lag ich schon im Reich der Träume und sah den zweiten Teil der Geschichte, wie dei Birthe also aussteigt und in ein Auto einsteigt und was danach passiert. Nein, es passierte nichts schlimmes, aber ein bißchen eifersüchtig wurde ich dann doch und so beschloß ich, eine Station vorher ein Hologramm von mir zusteigen zu lassen. Ich hatte nicht viel Zeit, dieses Hologtamm zu einer gepflegten Erscheinung heranreifen zu lassen und so nahm ich mir irgendeinen Typen, wie man sie bei Aldi oder Lidl trifft, so mit T-Shirt (Aufschrift "Bier formte diesen wunderschönen Körper", nicht mehr ganz neue Trainingshose (diese blauen Dinger aus den 70gern), dicke Wollsocken und Badelatschen. Dann klebte ich dem Typen noch einen falschen Bart in die Visage und dachte kurz daran, ihm noch eine weißen Kittel zu verpassen, damit er so aussieht wie der Typ in der Swiffer-Reklame. Wie gesagt, soviel Zeit blieb nicht, weil sich das Unternehmen Zukunft mal richtig am Fahrplan orientierte, und so beamte ich ihn halbfertig an die Station vor Birthes Zielstation. Ich habe dem Hologramm noch gesagt, was es meiner Frau erzählen soll. Aber nachdem ich diese Geschichte gelesen habe, fürchte ich, ich hätte mir doch etwas mehr Zeit lassen sollen bei der Auswahl des Hologramms. Zumindest gehe ich dafür demnächst nicht mehr nach Aldi.

Birthe @ 26. April 2003 - 15:22
Es passierte nichts schlimmes???
Das wurde ich nicht sagen. In meiner Phantasie passiert was dramatisches... Aber in der Phantasie jemand anderes passiert gerade was schönes...
Am Liebsten lasse ich hier - ggfs. bei den Kommentaren - die Phantasie jeden einzeln die Geschichte zu Ende schreiben.

netwing (http://www.kurzgeschichten.at) @ 26. September 2003 - 22:59
Nicht schlecht die story... weiter so ;-)




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